The closed web – Willkommen im geschlossenen Internet
12. August 2010


2015/Bonn Herr Meyer schließt das Browserfenster mit einem Seufzer. Immer noch gibt es keine neuen Startups, bzw. immer noch keine, die er finden kann. Sein Provider lässt es nicht zu, dafür hätten sie bezahlen müssen. Doch welches Startup kann das schon, das dürftig vorhandene Startkapital muss in die Technik des Angebots gesteckt werden.

Seit nun schon fast fünf Jahren geht das so. Dabei hatten die internetaffinen Bürger des deutschen Staates Anfang 2010 noch Hoffnung. Hoffnung auf ein weiteres Internet in seiner natürlichen Form. Einer Form ohne Zensur. Einer Form, die den Gedanken des freien Internets inne hielt und ihn auf immer bewahrte. Sie gäbe es wohl, gäbe es da nicht die Gier. Die Gier nach Geld und nach Macht.

Bye bye, Netzsperre

Ende 2009 schaffte die neu gewählte schwarz-gelbe Regierung die vom Vorgänger eingeführte Netzsperre unter den Jubelschreien des Webvolkes ab. Es gab wieder die Hoffnung, vielleicht gäbe es wirklich Politiker mit Verstand für das Netz. Denn sie schafften es mit der Entdeckung besserer Möglichkeiten im Kampf gegen die Kinderpornografie ab. Vorläufig schien es, als wäre die Gefahr der Internetzensur gebannt.

Tschüss, Netzneutralität

Doch wenige Wochen später kam ein großer Provider auf die Idee Geld von Internetportalen zu fordern. Je nach Besucherzahlen sollten sie für die bereitgestellte Übertragung der Angebote löhnen. Diese Forderung begründete der Provider, durch die entstehenden Kosten der Übertragung von großen Datensätzen wie z.B. Video– oder Musikstreams.

Sollten sie nicht der Forderung nachkommen, würden Sanktionen in Form von Geschwindigkeitsdrosselung bei den entsprechenden Diensten folgen. Die Gleichbehandlung gegenüber einem jeden Internetdienst, auch Netzneutralität genannt, schien gefährdet.

Verschiedene andere Provider schlossen sich der Idee an und arbeiteten an diesem Projekt zusammen.

Grüß Gott, Netzsperre 2.0

Das Filtern der Dienste bewerkstelligten die Provider mit einer längst erfundenen Technik, welche die übertragenen Daten untersuchte und je nach Angebot die Daten über verschieden schnelle Leitungen sendete. Dadurch wurden Dienste mit bisher hoben Besucherzahlen quasi zum Zahlen gezwungen, würden sie es nicht tun, würden die Kunden, durch den nun langsamen Seitenaufbau bei der Benutzung des Dienstes gestört, zum zahlenden Konkurrenten wechseln.

Später kamen die Provider auf eine weitere Idee. Sie nahmen allen nichtzahlenden Diensten, egal wie stark sie benutzt wurden, die Geschwindigkeit weg, bis sie nicht mehr erreichbar waren. Sollte ein Browser versuchen sie aufzurufen, brach er dies nach einer Weile ab und gab die Meldung aus, der Server brauchte zu lange für die Antwort. Durch diesen Vorgang konnten sie einen Vorwurf der Zensur von sich weisen.

Durch die dadurch entstandene Macht wurden die Provider übermütig. Sie drosselten willkürlich. Mal hier, mal da, nahmen sie die Geschwindigkeit weg, nur um ihre Wichtigkeit und Macht unter Beweis zu stellen. Und wenn ihnen eine Seite nicht gefiel, packten sie sie auf die Liste der gedrosselten Seiten.

Die Provider konnten nun nach Lust und Laune zensieren.

Macht das unter euch aus

Längst hätte die Politik eingreifen müssen, auf das Grundgesetz und das Zensurverbot hinweisen müssen. Doch sie taten es nicht. Sie sahen weg, winkten ab und sagten nur, die Portale und Provider müssen das unter sich ausmachen, die schaffen das schon. Sie schafften es auch, zumindest teilweise. Denn die Provider bekamen ihren Willen. Sie lebten ihre Macht über das Internet in vollen Zügen aus.